Anarchisten und die Unschuld des Messers

Anarcho-Kapitalisten sind das Spiegelbild von Pazifisten, die entdecken, dass mit Messern und Schusswaffen schreckliche Dinge getan werden. Sie entwickeln daraus die Überzeugung, dass wir in einer wunderbaren Welt leben würden, wenn nur diese Werkzeuge des Grauens von dieser Welt verbannt werden könnten. Sie übersehen, dass Messer und Schusswaffen nicht nur für schreckliche Dinge eingesetzt werden können, sondern auch dafür, schreckliche Dinge zu verhindern, sie ignorieren somit, dass nicht die Waffen an sich böse sind, sondern die Menschen böse sind, die sie für böse Zwecke einsetzen. Ebenso ist die Institution Staat nur ein Werkzeug zur Erreichung bestimmter Zwecke. Diese Zwecke können moralisch oder unmoralisch sein. Ein Staat, der Mörder nach einem rechtsstaatlichen Verfahren ins Gefängnis wirft, handelt moralisch. Ein Staat, der Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Religion in ein Arbeitslager wirft, handelt unmoralisch. Es sind die Menschen, die über den Staat verfügen, die aus ihm ein Werkzeug des Lebens oder ein Werkzeug des Todes machen. Die Struktur eines begrenzenten Staates führt nicht inhärent in die Katastrophe, ebensowenig wie irgendetwas Inhärentes in Waffen in die Katastrophe führt. Es geht bei einer Diskussion anarchistischer Vorstellungen  nicht um die Frage, ob ein System eines auf die Verteidigung der Individualrechte begrenzten Staates schwierig zu erreichen ist oder ob Staaten in der Regel anders aussehen als der  streng begrenzte Staat, d. h. ob sie Individualrechte verletzen. Es geht um die Frage, ob die Existenz eines solchen begrenzten Staates, ebenso wie die Existenz jedes anderen denkbaren Staates, bereits per se die Rechte von Menschen verletzt, wie dies die Anarchisten behaupten. Die Rechtsverletzung soll darin bestehen, dass der Staat auf seinem Monopol der Gewaltanwendung besteht und andere Anbieter auschließt. Ein solche Argumentation beruht auf der Vorstellung, dass die Anwendung von vergeldender Gewalt ebenso wie ein Auto oder ein Haarschnitt auf dem freien Markt gekauft werden sollte. Dass es dieses Recht nicht gibt, dass die Bürger dieses Recht an den Staat abtreten müssen, beruht nicht darauf, wie Don Watkins schreibt, „dass ein Individuum nicht das Recht hätte, vergeltende Gewalt anzuwenden“, sondern darauf, „dass jedes andere Individuum das Recht hat, nicht der Initiierung von Gewalt ausgesetzt zu sein.“ Der Anarchist sieht es als eine Verletzung seiner Rechte an, wenn er daraufhin überprüft wird, ob die Anwendung seiner Gewalt rechtmäßig, d. h. vergeltend war, oder nicht. „Das wirkliche Ziel der anarchistischen Attacke ist die Objektivität“, schreibt der Philosoph Harry Binswanger. „Sie verdammen die vergeltende Gewalt des Staates, weil sie objektiv ist. Sie fordern die ‚Freiheit‘, Gewalt nach Laune anzuwenden.“ Wenn es demnach ein System eines die Rechte schützenden Staates, oder irgendetwas, was dem nahekommt, gibt, dann existiert kein „Recht“ mit diesem Staat in Konkurrenz um die Anwendung vergeltender Gewalt zu treten. Ebensowenig ist das Argument tragfähig, dass der Staat sich unmoralisch mit Steuern finanziert. Er tut es zweifellos, aber dies macht die legitimen Funktionen des Staates nicht unmoralisch. Kein vernünftiger Mensch würde ernsthaft verlangen, dass alle verurteilten Verbrecher freigelassen werden, weil der Staat ihre Unterbringung mit Steuergeldern sicherstellt. Auch die Kriegführung eines Staates beurteilt sich ausschließlich danach, ob er der Verteidigung der Freiheit dient oder nicht. Die Finanzierung der legitimen Staatsfunktionen durch andere Mittel als Steuern ist nur im Rahmen eines vollständig freien Regimes möglich. Dies ist eine langfristige Aufgabe, die aber nicht dazu führen kann, dass wir heute notwendigen Staatsfunktionen eine ausreichende Finanzierung verweigern.