Illusion Volksstaat

Der Historiker Götz Aly soll ein „bahnbrechendes“ Buch geschrieben haben. So meint es jedenfalls Christian von Ditfurth in der Tageszeitung DIE WELT. Der Titel des Buches ist „Hitlers Volksstaat“ und dieser Begriff bezieht sich Hitlers Diktatur, was allerdings nicht apologetisch gemeint ist, sondern im Hinblick auf die Nutznießer dieses „Volksstaates“ durchaus einen moralischen Vorwurf impliziert.  Alys zentrale These ist, dass die nationalsozialistische Diktatur eine Gefälligkeitsdiktatur gewesen sei, von deren Raubzügen vor allem die „kleine Leute“ profitierten: „Wer von den vielen Vorteilen für Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen.“ Die erste Hälfte der These von Aly -die Diktatur war ein Volksstaat- erinnert an populäre Mythen, wie sie nicht nur die NS-Zeit umgeben, sondern alle Diktaturen. Im heutigen Russland gibt es noch jede Menge Leute, die glauben, Stalin sei ein großer Mann gewesen, da damals das Brot nur ein paar Kopeken gekostet habe. Diese Apologeten abstrahieren natürlich von den Verbrechen oder versuchen sie durch die Behauptung zu rechtfertigen, dass „Ordnung“ geschaffen werden mußte, aber sie sind der festen Überzeugung, dass diese Diktaturen für die Masse der Bevölkerung materiell nutzbringend waren. Aly bestätigt diese Behauptung: Die Diktatur nutzte den „kleinen Leuten“, aber er fügt an, dass diese Nutznießer von kolossalen Verbrechen waren. Nun sind die von Aly beschriebenen Raubzüge der Nationalsozialisten sicherlich als historische Fakten anzusehen, aber es stellt sich natürlich die Frage, ob die Essenz des Nationalsozialismus tatsächlich daraus bestand, Menschen reich werden zu lassen und ob die breite Masse der Anhänger dies tatsächlich erwartete und ob sie davon wirklich ihre Unterstützung abhängig machten. Kann der Autor wirklich vermitteln, dass Hitler seine Wahlkämpfe unter der expliziten oder zumindest impliziten Parole führte „Ich bringe Wohlstand für alle, nur meine Methoden werden etwas unkonventionell sein.“? Äußerungen von Hitler lassen allerdings den Schluss zu, dass dieser keinesweg primär beabsichtigte, Wohlstand für das Volk zu generieren. Immer wieder polemisierte Hitler gegen den „Götzen Mammon“ oder den „Gott Geld“. In seiner Schrift Mein Kampf wendet sich Hitler ausdrücklich gegen die bürgerlich-liberale Vorstellung, „die vom Staat vor allem die günstige Gestaltung des wirtschaftlichen Lebens des einzelnen erwartet, die mithin von praktischen Gesichtspunkten aus und nach allgemeinen wirtschaftlichen Rentabilitätsanschauungen urteilt.“ Hitler sah sogar die „wirtschaftliche Blüte“ eines Landes eher als Zeichen von Dekadenz an, die „nur in den allerseltensten Fällen“ mit der „inneren Stärke eines Staates“ zusammenfällt. Woraus der „Vorrang der Politik“, woraus Hitlers „Idealismus“ bestehen sollte, soll Hitler im Frühjahr 1930 in Anlehnung an Passagen aus Mein Kampf gegenüber Otto Wagener geäußert haben: „Im kommenden Sozialismus (…) geht es um die Gesamtheit, um die Gemeinschaft, das Volk. Und der einzelne und sein Leben spielen nur eine untergeordnete Rolle. Er kann geopfert werden, er selbst ist bereit, sich zu opfern, wenn die Allgemeinheit es erfordert, wenn es das Gemeinwohl es verlangt.“ Hitlers Sozialismus war somit nicht nur auf den Bereich der Ökonomie beschränkt, sondern sollte das gesamte Leben umfassen und die Prinzipien des Kollektivismus und Etatismus verwirklichen. Gemäß dieser Definition, schreibt Leonard Peikoff in seinem Buch Ominous Parallels, taten die Nazis, was sie predigten: „Niemand kann behaupten, dass sie nicht genügend Individuen opferten.“ Im Gegensatz zu Götz Aly, der die Auffassung vertritt, dass 95 % der Bevölkerung von den Nazis profitierten, sieht Peikoff im Nazismus ein umfassendes Ausbeutungssystem, das die gesamte Bevölkerung umfaßte: „Während der Hitler-Jahre -zur Finanzierung des Parteiprogrammes, einschließlich der Kriegsabenteuer- wurde jede soziale Gruppe mitleidlos ausgebeutet und ausgelaugt.“ Nicht dass sie von der Politik der Nazis angeblich profitierten, kann der Masse der Deutschen vorgeworfen werden, sondern dass in ihre Ausbeutung einwilligten.

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