Die „unbesonnene“ Ayn Rand

Während ihres ersten Jahres an der Universität in Petrograd (1921-1922) war Ayn Rand, wie sie sich später erinnerte, „etwas unbesonnen“, weil sie alle möglichen anti-sowjetischen Bemerkungen offen äußerte, was sie danach aber bedauerte, weil ihr bewußt wurde, dass sie dadurch ihre Familie in Gefahr hätte bringen können. Einmal etwa sagte sie einem kommunistischen Studenten, dass er und seinesgleichen bald von den Laternenpfählen hängen würden. Ihre Heldin Kira in We the Living äußert sich auch „unbesonnen“, als sie einem Mitstudenten ihre Meinung von der „Internationalen“ nicht vorenthält:

Zum ersten Mal in Petrograd hörte Kira die Internationale. Sie achtete nicht auf den Text. Der Text sprach von den Verdammten, den Hungrigen, den Sklaven, jenen, die nichts gewesen waren und alles sein würden. Aber in dem wunderbaren Pokal der Musik waren die Worte kein berauschender Wein, kein Entsetzen erregendes Blut, sondern nur graues Spülwasser.
Die Melodie jedoch war wie das Hallen Tausender entschlossen marschierender Füsse, wie Trommeln, die von festen Händen geschlagen wurden, war wie der Marsch der Soldaten, die in der Dämmerung der Schlacht und dem Sieg entgegenziehen. Es war eine Hymne mit der Wucht eines Marsches, ein Marsch mit der Majestät einer Hymne. Es war der Gesang der Soldaten, die geweihte Banner und von Priestern gesegnete Schwerter tragen. Es war ein Lied von der Heiligkeit der Kraft.
Alle hatten sich erhoben, als die Internationale gespielt wurde.
Kira lauschte lächelnd der Musik.
„Das ist das erste Schöne, das ich an der Revolution bemerkt habe“, sagte sie zu ihrer Nachbarin.
„Seien sie vorsichtig“, flüsterte das junge Mädchen und blickte dabei nervös um sich. „Es könnte Sie jemand hören.“
„Wenn all dies vorüber ist“, sagte Kira, „wenn die Spuren ihrer Republik von der Geschichte ausgelöscht sind – was für ein herrlicher Trauermarsch wird das dann sein.“