Der „Triumph des Objektivismus“ in einer libertären Zeitschrift

view.jpg In der Ausgabe 67 (November 2006) der Zeitschrift eigentümlich frei befindet sich ein Interview mit Robert James Bidinotto (Foto), Chefredakteur von The New Indivdidualist, der Monatszeitschrift der Atlas Society (TAS), einer Organisation, die den Objektivismus als moralische und rationale Alternative auf dem Markplatz der philosophischen Ideen präsentieren möchte. Die Organisation wurde 1989 von dem Philosophen David Kelley gegründet, damals noch unter dem Namen Institute for Objectivist Studies (IOS). Kelley steht heute nach wie vor als Senior Fellow an herausragender Stelle in der Hierarchie der Organisation. Im Vergleich zu den hin und wieder äußerst skurrilen Interviewpartnern der eigentümlich frei -man denke an den NPD-Vorsitzenden-, wirkt dieses Interview wirklich spannend und inspirierend und man kann diesem Magazin nur wünschen, sich daran in der Zukunft ein Beispiel zu nehmen.

Wirklich überrascht in den Interview war ich von einer Zahl, die Bidinotto nennt: sein Magazin und das der Atlas Society soll eine Druckauflage von lediglich 3 000 Exemplaren haben. Wenn man bedenkt, dass alle Mitglieder der Atlas Society das Magazin automatisch bekommen, ist dies wirklich äußerst dürftig. Dass das Magazin in Zukunft auch an Zeitungsständen zu haben sein wird und vor allem Nicht-Objektivisten ansprechen soll, ist sicherlich eine nachvollziehbare Strategie, um das Magazin populärer zu machen. Nicht nachvollziehbar ist allerdings Bidinottos Strategie, dieses Magazin „innerhalb eines objektivistischen Bezugsrahmens“ mit nicht-objektivistische Autoren zu gestalten, die alle sicherlich ihre Meriten haben -zu nenen wären hier etwa Bruce Thornton und Victor Davis Hanson-, aber nicht in der Lage sind, Nicht-Objektivisten den Objektivismus zu erklären. Die Atlas Society hat allerdings nicht nur für ihre Zeitschrift einen neuen Ansatz gewählt, sondern sich gerade kürzlich diesen neuen Namen zugelegt, der 3. Namenswechsel seit der Gründung, was durchaus eine Nachfrage hätte auslösen können, denn nicht zufällig wurde der Bezug zum Objektivismus aus dem Namen entfernt. In einer Presseerklärung aus dem Juni 2006 wird zur Begründung angegeben, dass der Name Atlas Society weniger „einschüchternd“ wirke bei denjenigen, die mit der Philosophie nicht vertraut wären. Die Fragesteller der eifrei schmeicheln Bidinotto, oder wissen es nicht besser, wenn sie von „zwei großen objektivistischen Organisationen“ in den USA sprechen. Im Vergleich zum Ayn Rand Institute (ARI) ist die Atlas Society nicht mehr als ein David im Vergleich zu Goliath. Die Internetpräsenz der Atlas Society ist äußerst mangelhaft, schließlich schaffte man es während des gesamten Libanon-Krieges nicht, irgendeine Stellungnahme auf der Site zu platzieren – ganz im Gegensatz zum ARI. Auch hat die Atlas Society, vormals die The Objectivist Center (TOC), auch einen gewissen personellen Aderlass in letzter Zeit zu verkraften – zu nennen wäre dort vor allem die Philosophin Diana Mertz Hsieh, die das TOC lange unterstützt hat und heute glühende Anhängerin des ARI ist. Auch ist zu bemerken, dass etwa der ehemalige Herausgeber der Zeitschrift The Free Radical, Lindsay Perigo, eine deutliche Distanz zur Atlas Society zeigt und sich immer mehr dem ARI annähert. Mittlerweile ist bei Perigo sogar eine offenen Verachtung für die Atlas Society zu beoabachten: „Diese Schlappschwänze sind die Verachtenswertesten von allen. Ihr Name ist The Atlas Society.“ Perigo könnte bei diesem Verdammungsurteil nicht nur die Namensänderung im Kopf gehabt haben, sondern auch an Rede von David Kelley aus dem Jahr 2005 gedacht haben, die er beim „March Against Terror“ auf Einladung der Free Muslim Coalition hielt, und die für einen selbsternannten Objektivisten wirklich erstaunlich ist. Dort gibt es sich zwar als Objektivisten zu erkennen, appelliert aber an alle, die sich dort versammelt haben, um gegen das Übel des Terrorismus zu demonstrieren, im Namen von „Werten, die Unterschiede in Religion und Weltanschauung transzendieren.“ Diese Rede exemplifiziert Kelleys These von einem offenen, intellektuell toleranten“ Objektivismus in besonders hervorstechender Weise. Robert Bidinotto erklärt den eifrei-Lesern natürlich auch den Unterschied zwischen beiden Organisationen und prompt kommt auch der Vorwurf des Dogmatismus gegenüber dem ARI, obwohl er kurioserweise behauptet, dass AS und ARI hinsichtlich der Grundprinzipien und der Beschreibung der Bedeutung des Objektivismus „gar nicht so weit auseinander“ sind. Der fundamentale Unterschied zwischen beiden Organisationen schimmert allerdings in seinen Antworten nur durch: Die Atlas Society sieht den Objektivismus als „offenes System“, während das Ayn Rand Institute davon ausgeht, dass der Objektivismus ein „geschlossenes System“ ist. „Geschlossen“ bedeutet einfach, dass die Philosophie in ihrer Grundstruktur ein für allemal festgelegt ist: durch Ayn Rand. Die Atlas Society möchte den Objektivismus modifizieren, aber gleichzeitig weiterhin unter der Flagge des Objektivismus segeln. Obwohl auf ihrer Website sehr deutlich gesagt wird, dass der Objektivismus durch Ayn Rand „definiert“ wurde. Dies ist genau der Punkt: durch Ayn Rand, nicht durch David Kelley.