Die vertane Chance der „Weltwoche“

Welche eine riesige Überraschung: Die WELTWOCHE aus der Schweiz widmete Ayn Rand in ihrer Ausgabe 24/2007  einen längeren Artikel. Der Autor Thomas Widmer leistet sich aber zahlreiche nicht verzeihliche Formulierungen, die ihm bei besserer Recherche nicht hätten passieren können.Vor allem seine Charakterisierung von Rand als „liberale Anarchistin“ löst Unwohlsein aus, denn Anarchistin wäre wohl das Letzte gewesen, was Rand als ideologische Beschreibung ihrer selbst hätte akzeptieren könnnen. Und warum beschreibt er ihre Lehre als „Minarchie“, die den Staat auf ein „Minimum“ begrenzen will? Ihre Philosophie heißt „Objektivismus“ und hat auch politische Implikationen, die man aber mit dem Begriff „Minarchie“ nur unzulänglich beschreibt (hier hätte der Verweis kommen müssen, dass der Kern ihrer politischen Auffassungen die Individualrechte sind, die der Staat schützen muss.) Und was soll die Bemerkung, sie sei eine „militante Atheistin und Advokatin der Vernunft“ gewesen. Zunächst einmal hätte man die Beschreibung umkehren müssen: Sie war in der Tat eine Advokatin der Vernunft und daraus ergab sich einfach ihr Atheismus, der allerdings nicht „militant“ im Sinne eines Vernichtungswunsches gegenüber Gläubigen war. Dass sie „geweint“ haben soll, als sie die Skyline von Manhattan gesehen hat, habe ich bisher noch nicht gelesen und auch nicht, dass sie sich dem Produzent deMille „aufgedrängt“ haben soll: Er hat sie einfach aus seinem Auto heraus angesprochen, als sie ihn angeschaut hat. Und wo bitte ist sie als „antikommuistische Kampfrednerin“ aufgetreten? Antikommunismus allein wäre ich viel zu wenig gewesen, sie wollte für etwas werben, für die Akezptanz der Vernunft. Ungenau, teilweise verfälschend sind Formulierungen wie: „Jeder Mensch ist sein eigener Zweck, er ist niemandem Rechenschaft schuldig, ist nicht böse, wenn er sich ausleben will.“ Der Mensch ist gut, wenn er rational ist, wenn der Vernunft folgt, aber nicht, wenn er seinen Launen folgt, „wenn er sich ausleben will.“ Der Autor bemerkt zwar richtig, dass Rand in Kant ihren großen philosophischen Gegenspieler sah, aber sie reduzierte ihn keineswegs auf seine Erkenntnistheorie. Ebenso ausführlich beschäftigte sie sich auch mit seiner Ethik, die sie ebenso vehement ablehnte. Zum Schluss seines Artikels gerät er dann richtig in Stimmung und erweist sich als Echo der Rand-Kritiker im Schlepptau der Brandens. Über die Beziehung zu Nathaniel Branden heißt es: „Als er eine jüngere Geliebte findet, kann Rand das nicht ertragen. Sie verstösst ihn. Und das Institut geht unter. Was wie ein Filmstoff klingt, ist ein Film geworden. «The Passion of Ayn Rand» (1999) mit Helen Mirren als Rand blendet in diese Jahre zurück, da aus der philosophierenden Schriftstellerin eine Predigerin geworden ist, ja fast eine Sektenführerin. Eine Manipulatorin der Emotionen, die der eigenen Emotionen nicht Herrin wird.“ Dies ist eben genau der Stoff, aus dem die beiden Bücher der Brandens gemacht, die kürzlich James Valliant einer kritischen Überprüfung unterzogen hat, und zu keinem sehr schmeichelhaften Urteil kommt. Ein Buch, dass Thomas Widmer sicher nicht gelesen hat, es aber hätte tun sollen, denn dann wäre vielleicht in der Lage gewesen, einen besseren Artikel zu schreiben.

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